Deus Ex Mankind Divided: Schwule Frösche

Manchmal sieht man Menschen mit einer Google-Glass-Brille oder einer Apple-Watch-Armbanduhr die andere Straßenseite entlang laufen und findet das irgendwie befremdlich. Man stellt sich unweigerlich vor wie es wohl wäre, wenn man einfach all diese elektronisch erweiterten, doch seltsam leeren Seelengefäße in einem osteuropäischen Ghetto zusammenpferchen und ihren Lebenswandel stigmatisieren würde. Eidos Montreal nahm sich diese unrühmliche Prämisse  einer verworfenen South-Park-Episode zur Brust und schrieb Deus Ex: Mankind Divided auf das fertige Produkt. Dessen mechanische Apartheid war im vergangenen Jahr ähnlich politisch aufgeladen wie es der Nazitötungssimulator Wolfenstein 2 heute ist. Doch während dieser sich gerade ähnlich explosiv entlädt wie ein Smartphone-Akku von Samsung, klebt Adam Jensen noch immer mit seiner gecremten Wange an einer Metallkiste und traut sich nicht aus seinem Versteck hervor. Aus Angst, er könnte jemanden verletzen.

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Jensen ist abermals der Protagonist eines Spiels, das sich zeitgenössischen Reizthemen wie dem Selbstoptimierungswahn und der Ungleichverteilung von Geld, Macht und Einfluss in unserer Gesellschaft widmet, wirkliche Aussagen dazu jedoch unter einem All-You-Can-Eat-Buffet an Verschwörungstheorien vergräbt. Terroranschläge! Fake-News! Drogen! Illuminaten! Tutanchamuns erigierte Laugenstange! Der gläserne Mensch wird hier zum Schaufenster plakativer Bedrohungszenarien und tiefschürfender Paranoia, doch nichts davon stellt sich je als falscher Alarm heraus. Deus Ex war schon immer eine Spielreihe, welche die Ängste und Sorgen eines Alex Jones ernst nahm. Die eigenen relevanten Bezüge und Aussagen zu realen Entwicklungen und gesellschaftlichen Trends jedoch nicht.

Was soll man schließlich davon halten, wenn einem Eidos‘ Marketingabteilung „Augs Lives Matter“ ins Gesicht brüllt, jedoch hinterher jedwedes realweltliche Fundament dieser Aussage vehement abstreitet? Solche absurden Widersprüche ziehen sich nicht zuletzt auch durch das Spiel selbst. Hier werden die reichen Kiddies mit den coolen Gadgets unterdrückt und schikaniert als sei ein gesellschaftliches Nachobentreten in jenen spätkapitalistischen Strukturen das Normalste der Welt. Hier perlt jedes weniger privilegierte Schicksal am stählernen Neoprenanzug des Protagonisten ab, weil dieser selbst so übermächtig ist, dass die Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit anderer Figuren schlichtweg nicht plausibel erscheint. Zerfressen vom quälenden Zwiespalt des Leisetreter- oder Abrissbirnengameplays schleicht man durch die Wirren eines futuristischen Antiterror-Kampfes, dessen breitpinseligen Parallelen zu dem realen Umgang mit Terrorismus sicher eine spannende Diskussionsgrundlage böten. Doch derlei Gedanken verstummen rasch, weil der unfokussierte Jensen sich lieber durch virtuelle Realitäten häckt, um herauszufinden, ob verseuchtes Leitungswasser tatsächlich alle männlichen Frösche schwul werden lässt.

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„There is nothing more dangerous than the spread of false news.“ – Eliza Cassan

Jensen weiß, dass er nichts weiß. Er erwirbt Wissen ähnlich wie eine künstliche Intelligenz, weniger wie der Rest Mensch, der er vorgibt zu sein. Indem er sammelt und sammelt ohne sich je die Zeit zu nehmen, die Implikationen der neuen Informationen auch emotional und moralisch aufzuarbeiten, bleibt er das zentrale Puzzlestück, um das sich alles andere dreht. Jensens nichtssagende Mimik bleibt stets scharfgestellt, während das Gesamtbild und jedes halbherzige Statement des Spiels in einem matschigen Bokeh verschwimmen.

Nazis zu töten mag keine besonders intellektuelle Losung sein, doch ihre Richtigkeit und Bedeutung wird in Wolfenstein 2 zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt. Sie wirkt, weil sie unaufhörlich mit einem Megafon vorgetragen wird. Adam Jensens Stimme hingegen klingt noch heiserer und monotoner als je zuvor, sodass es fast ein wenig verwunderlich ist, dass kein NPC ihm eine Lutschpastille anbietet oder ihm einen guten Logopäden empfiehlt. Er selbst ist kein stummer Protagonist, aber seine Aussagen verhallen ungehört. Er hockt hinter seiner Kiste und wartet, bis die Wachen vorbeigegangen sind. Dann schleicht er sich hinaus und flüstert leise „Augs Lives Matter“. Verletzt wurde niemand.

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