Call of Duty WWII: Nur ein Zahnrad

Ich weiß jetzt auch nicht, welcher Weltkrieg der bessere war, aber in der Musik spricht man gerne vom schwierigen zweiten Album und so fühlt sich Call of Duty WWII an. Nachdem sich die Konkurrenz im vergangenen Jahr mit der historisch eher freien Interpretation der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ein goldenes Näschen verdient hatte und der eigene Krieg der Zukunft so steril und ausgehöhlt daherkam, dass Großaktionäre eine Gewinnwarnung fürchten mussten, kehrt man dieses Jahr also zu den eigenen Wurzeln zurück. Plötzlich brüllt da wieder ein behelmter Mann mit Kautabakfahne Durchhalteparolen im Kugelhagel, es öffnen sich die gepanzerten Luken der Landungsboote und wie ein älteres Ehepaar, das jedes Jahr dasselbe Hotel im Schwarzwald bucht, weiß man genau, was einen jetzt erwartet.

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„We are cogs in the machine.“

Die Landung der Alliierten in der Normandie ist längst zu einer Art Treppenwitz der Videospielgeschichte verkommen. Battlefield, Medal of Honor, Company of Heroes, Conker’s Bad Fur Day, ja selbst die eigene Seriengeschichte hat bereits vor Jahren versucht, den oscarnominierten Gesichtsausdruck von Tom Hanks in „Der Soldat James Ryan“ mit Polygonen nachzustellen. Und weil dieses Schreckensszenario so vertraut wirkt, ist das grenzenlose Chaos, die fliegenden Gliedmaßen, die raushängenden Eingeweide, diese ganze verlustreiche Schlacht nicht viel mehr als ausschmückendes Beiwerk auf dem Weg zum nächsten Checkpoint.

Da hilft es auch nicht wirklich, dass diese interaktive, obgleich fiktive N24-Dokumentation nun in 4K und HDR daherkommt. Wenn man Bomben nur noch auf Bombenkrater wirft, dann merkt man halt kaum noch etwas von deren Einschlag. Das Thema Zweiter Weltkrieg ist auch heute sicher noch nicht komplett aufgearbeitet, seine militärischen Konflikte hingegen schon. Und weil das so ist, ist es auch völlig okay, wenn man nach den ersten zwei Missionen bereits mehrere hundert feindliche Soldaten eigenhändig totdemokratisiert und ein Duzend Bomber mit einem freistehenden Flakgeschütz aus dem Himmel geholt hat. Es reicht, wenn alles so aussieht wie damals. Eine historische Nachstellung tatsächlicher Ereignisse erwartet hingegen niemand.

Schließlich ist diese Art der Kriegsweiterverarbeitung längst zu einem klinisch getesteten Produkt verkommen, das 99,9%* aller Keime und zivilen Schicksale von der Spiel-Disc entfernt. Der mikroskopische Rest muss dann für die Kloßimhalsmomente sorgen, die den ganzen Bombast mit pseudokritischer Tragik legitimieren. Dabei sind es genau diese Momente, welche die Schrecken des Krieges nahbar machen. Die Menschen, die nicht in den Krieg ziehen, sondern in den Krieg gezogen werden, sind auch in Call of Duty WWII scheinbar ein großes Tabuthema, da sich überkandidelte Heldengeschichten nicht nur besser verkaufen, sondern auch einfacher schreiben lassen. Es ist ein Spiel geworden, das Empathie zwar oberflächlich imitiert, selbst jedoch auf ein Fundament aus Egozentrik und Kalkül gebaut wurde.

Call of Duty WWII ist vermutlich der konservativste Ableger einer Spielreihe, deren Markenzeichen ohnehin nie die Progression war. Er legt die alten Hits noch einmal auf und berieselt damit sein in die Jahre gekommenes Publikum, für das die futuristischen Klänge von heute nur noch Lärm und keine richtige Musik mehr sind. Ein Publikum, das die Schussrate und Reichweite eines M1 Garand aus dem Kopf aufsagen kann, jedoch keinen einzigen Namen der tatsächlich von diesem Gewehr getöteten Kriegsopfer.

Während man sich hierzulande also bemüht, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges in angemessener Erinnerung zu behalten, ist Call of Duty WWII vielmehr ein Spiel zum Vergessen geworden. Man hat also die Zeichen der Zeit erkannt.


*Angabe zur Keimentfernung geschätzt

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