South Park | Die rektakuläre Zerreißprobe: Der Tyrann

Als ich in die 7. Klasse kam, gab es dort einen Jungen, der war ein ziemlich großes Arschloch. Er machte sich über die Äußerlichkeiten und Unsicherheiten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler lustig, zog als mäßig begabter Klassenclown den Zorn der Lehrkräfte auf sich und fand es zudem unterhaltsam, gelegentlich mit dem Hitlergruß zu provozieren. Ein paar Monate vergingen, der Junge fing das Rauchen an, versengte die Haarspitzen einer Mitschülerin mit einem Benzinfeuerzeug und plötzlich traf ich ihn im Wartezimmer meines Psychotherapeuten wieder. Zum ersten Mal stumm, zum ersten Mal ängstlich und erschrocken, als hätte ich ihn ertappt und seinen schützenden Vorhang weggerissen. In den kommenden Wochen wurde uns beiden klar, dass wir mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, mit diesen jedoch sehr unterschiedlich umgingen. Wir wurden Freunde, für eine gewisse Zeit zumindest, bis er schließlich von der Bildfläche verschwand.

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Mit South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe ist die Erinnerung an diesen Jungen in mein Leben zurückgekehrt. Während die Serie, auf der das Spiel basiert, in ihrem 21. Jahr zunehmend ziel- und konzeptlos in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht, wohnt den letzten beiden Spielen eine ungeahnte Verletzlichkeit inne. Dem neuesten Teil noch offenbarer als dem Stab der Wahrheit. Es ist dabei keine Verletzlichkeit, die sich zwischen den lärmenden Störgeräuschen aus mal mehr, mal weniger kreativen Provokationen und Blödeleien in den Vordergrund zu spielen vermag. Sie ist vielmehr das stille Fundament all dieser kleinen und größeren Geschichten, welche durch die Kompaktheit der Spielwelt und der für ein Rollenspiel ungewöhnlichen Linearität der Abläufe kunstvoll miteinander verwoben sind.

Es sind Geschichten von zerrütteten Elternhäusern, von Alkoholismus und anderen Substanzabhängigkeiten. Geschichten von Kapitalismusperversionen, Polizeigewalt und dem blinden Hass auf alles, was einem fremd erscheint. Sie alle zeichnen ein Bild zunehmender Strukturlosigkeit und fehlender Sicherheit. South Park ist nicht mehr das besinnliche Kuhkaff, das es vor 20 Jahren noch gewesen sein mag. South Park symbolisiert vielmehr das Amerika von heute, in dem selbst die absurdeste Prämisse nur noch ein hinnehmendes Schulterzucken nach sich zieht. In dem ein ewiger Nebel aus Furzgasen die wahren Intentionen seiner Akteure verschleiert und Wahrheiten nicht am Stück daherkommen, sondern wie bei einer Zwiebel nach und nach abgetragen werden müssen.

Dass dieses Spiel mit einem Jahr Verspätung erscheint, einem Jahr, in dem so viel Unfassbares in diesem Land vor sich gefallen ist, ist Fluch und Segen zugleich.

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So erdrückt die Last des ungezielten Rundumschlags die persönliche Geschichte der eigenen Spielfigur. Schweigsam und gefügig rennt diese von einem Ort zum anderen, stets fremdgesteuert und willenlos, nur ein Spielball für diejenigen, die ihre ungezähmten Fähigkeiten für eigenen Zwecke missbrauchen wollen. Es ist ein Leben, in dem sich die Spielregeln in jedem Moment ändern können. Die wenigen Momente, in denen sie für sich sein kann, sind die Mahlzeiten zu Hause, die sie allein einnehmen muss, weil sich die Eltern in einem anderen Raum gegenseitig Vorwürfe und Beleidigungen an den Kopf werfen. Es ist ein deprimierendes Durchschnaufen, doch auch ein bedeutsames, weil das Spiel nur hier mit offenen Karten spielt. In diesen wenigen Augenblicken wirkt South Park so verwundbar und erstarrt wie einst der Junge im Wartezimmer. Doch statt diesen Offenbarungseid zu nutzen und sich weiter zu öffnen, zieht es sich schon im nächsten Moment wieder in seine destruktiven Verhaltensweisen zurück, scherzt über Prostitution und Menschenhandel, rassistische Stereotype, religiöse Befindlichkeiten und natürlich über Kanye West.

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Anna Podedworna: „South Park“, 2013 (Link)

Dass South Park seinen Vorhang lieber wieder zuzieht statt nach Heilung zu suchen, ist symptomatisch für die wachsenden Unsicherheiten im Zuge des rapiden gesellschaftlichen Wandels in den USA. So unbeholfen wie mit Themen wie Sexismus und Rassismus umgegangen wird, so planlos wie jeder soziale Trend verwurstet wird, kann der Titel mit zunehmender Spielzeit das Zerbröckeln seiner zynischen Fassade nicht verhindern. Es ist ein Spiel, das all diese Veränderungsängste bündelt und sie aus der Sicht von Viertklässlern zu erklären versucht, die selbst bisweilen so berechnend und rücksichtslos agieren, wie die Erwachsenen um sie herum.

Wenn man nicht mehr weiß, auf welcher Seite man stehen soll, steht man irgendwann alleine da. Deswegen bleibt zu hoffen, dass jemand ein Fenster öffnet, sich der Furznebel verzieht und South Park endlich für sich erkennt, welche Position es beziehen will. Ansonsten bleibt es am Ende nur als der Klassentyrann in Erinnerung, der mit seinem Zorn nichts Konstruktiveres anzufangen wusste, als Haare anzukokeln und gelegentlich den Hitlergruß zu zeigen.

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “South Park | Die rektakuläre Zerreißprobe: Der Tyrann

  1. Mein Video dazu steht ja auch schon im Kopf und diese Essenssituation ist mir auch insofern aufgefallen, dass ich finde, dass die Entwickler zu viel wollten und nichts so richtig hinkriegen. Es ist ja nicht nur die traurige Situation beim Essen. Es gibt immer wieder so nette emotionale Einwürfe. Genauso gibt s auch versuche von satirischem Humor und Versuche von banalem, einfachen Humor. Aber irgendwie will dieser wilde Mix nicht so richtig zünden, weil ne Struktur fehlt.

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