Inside: Außer Kontrolle

Die gleißenden Lichtkegel der Taschenlampen durchfluten das Buschwerk. Ziellos, fast panisch schwenken sie hin und her, unwissend, was sie eigentlich erleuchten sollen. Sie folgen nur der Angst ihrer Träger, die nach etwas jagen, das selbst vor markerschütternder Furcht rot glimmt und quiekt. Es ist eine undurchsichtige Szene, deren Intensität den Körper des fünfjährigen Jungen erstarren lässt, der ihr unbegleitet beiwohnt. Knapp 28 Jahre später erinnert sich dieser Junge an die Taschenlampen, an das rote Glimmen und das Quieken. Er erinnert sich an die Furcht, die ihn vor dem Fernseher erstarren ließ. Er erinnert sich daran, wie allein und überfordert er in diesem Moment war, aber auch, wie fasziniert von der Unheimlichkeit seiner Emotionen.

Vermutlich kommen all diese Gefühle wieder hoch, weil in Inside nicht das Herz von E.T. durchs Unterholz rast, sondern ein kleiner Junge, der selbst nicht wesentlich älter ist als ich es damals war, während ich allein einem erdnussköpfigen Außerirdischen bei seinem langsamen Niedergang auf der Erde zusah. Als würde ich von außen auf mein damaliges Innenleben blicken.

Dabei gibt sich Inside sehr verschlossen. Es redet nicht, sondern lässt seine ausgewaschenen Bilder für sich sprechen. Es sagt mir nicht, warum der stumme Junge im roten Pulli von Wärtern und ihren aufgehetzten Hunden verfolgt wird. Es sagt mir nicht, warum die gesichtslosen Menschen in den gigantischen Fabrikhallen nur noch willenlose Hüllen sind, die sich benutzen und wegwerfen lassen wie Papierhandtücher auf der McDonald’s-Toilette. Es sagt mir erst recht nicht, welches Ziel ich verfolgen soll und wie ich es erreichen kann. Und je näher ich mich den Antworten auf all diese Fragen zu nähern glaube, umso weiter entferne ich mich von ihnen.

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Denn je mehr Kontrolle und Selbstbestimmung ich über mein Schicksal zu gewinnen scheine, desto deutlicher zeigt mir das Spiel, dass ein selbstbestimmtes Leben in seiner Welt nicht vorgesehen ist. Es ist unklar, wie viele Ebenen der Fremdsteuerung durchbrochen werden müssen, um mit den eigenen Gedanken allein sein zu können.

Unmissverständlich ist hingegen, dass jede dieser Ebenen, die ich durchbreche, mich selbst zu einem Teil des Kontrollapparates werden lässt. Je mehr ich mich von ihm zu befreien versuche, desto tiefer saugt er mich ein.

Diese Undurchsichtigkeit der Einflussnahme auf das eigene Leben ist das Leitmotiv von Inside, das in beklemmenden Bildern die Abwesenheit des Andersdenkens nachzeichnet. Bilder, die kalt und fern wirken, weil sie frei von Namen und Institutionen funktionieren. Das ist schon ein bisschen feige, weil sich so jeder seine eigenen Metapher aussuchen kann. Es ist jedoch auch erstaunlich und erschreckend zugleich, wie universell übertragbar und allgegenwärtig das Gefühl der Fremdbestimmtheit heutzutage ist.

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Egal ob Staat, Presse, Soziale Medien, oder Großkonzerne, sie alle formen unser Weltbild und füllen unsere orientierungslose Leere, weil das Hintergrundrauschen zu laut geworden ist, um sich eigene Gedanken zu machen. Doch Inside will nicht in das Rauschen mit einstimmen. Seine wahre Stärke liegt in den Lücken versteckt, die es lässt. Lücken, die niemand für mich stopfen wird. Es ist ein blankes Blatt Papier, das ich ganz alleine füllen soll, ganz ohne Anleitung, frei jedweder Agenda.

Und so sitze ich wieder hier, erstarrt von der Erinnerung an die Furcht eines Fünfjährigen. Und dies ist mein beschriebenes Blatt Papier. Meine Gedanken. Auch wenn es nie und nimmer die eigenen sind.

 

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