Monster Hunter World: Karōshi

Er hält einen abgetrennten Elefantenschwanz in der Hand, während er zu gleichen Teilen stolz wie dümmlich Richtung Kamera blickt. Für jemanden, der im Leben nichts geleistet hat, ist es ein besonderer Moment, der festgehalten werden muss. Donald Trump Jr. hat einen Dickhäuter erlegt, einfach nur, weil er es konnte. Er wird sein Fleisch nicht braten, seine Haut nicht gerben und keine Klaviertasten aus seinen Stoßzähnen schnitzen. Er hat keine Verwendung für das getötete Tier. Da steht er nun, hält den Schwanz in die Linse als sei es sein eigener und denkt, er habe etwas Außerordentliches geleistet. Doch was er eigentlich jagt, wird ihm stets aufs Neue entrinnen.

Trump jr
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Im Spiel ist es anders. Hier jage ich, weil es sein muss. Zumindest sagen mir das alle. Warum das so ist, kann ich nur schwer nachvollziehen, schließlich scheint es den Menschen an nichts zu mangeln. Sie sind hier genauso neu wie ich, haben alle eine Katze und vermutlich auch einen Instagram-Account. Die Jagd sei notwendig, um zu forschen, sagen sie. Geforscht wird nach Werkzeugen, welche die Jagd noch effizienter machen. Nach einigen Stunden erlege ich eine große Eidechse mit einem Hammer, der aus den Knochen ihrer Artgenossinnen gefertigt wurde. Der Helm, den ich trage, besteht aus dem gleichen Material. Er gibt mir einen Bonus auf Gefühllosigkeit. Ohne diesen komme ich nicht weit.

Ich muss vieles wiederholen, damit es einfacher wird. Das Töten gerät zur Fließbandarbeit. Wie eine Fantasy-Variante des Kükenschredderns. Und es ist nie genug. Auf jede erfolgreiche Jagd folgen Aufträge für zehn weitere. Niemand ist hier je zufrieden und ich bin es auch nicht. Es ist die Gier nach Gear, die niemals endet. Doch in dieser World hat das Ausbeuten der Natur keine Folgen. Tiere und Pflanzen sind nachwachsende Rohstoffe, sie existieren nur für mein unstillbares Verlangen nach mehr. Es ist eine spätkapitalistische Traumwelt. Wie ein Tampon sauge ich ihr Blut in mich auf, damit sie sich stets frisch und rein anfühlt.

mhw

Hin und wieder kaufe ich mir etwas Schönes, um mich für ein paar Minuten gut zu fühlen. Dann kehrt die Unzufriedenheit zurück. Jemand macht ein Foto von mir, wie ich den Schwanz von Karl Marx in die Kamera halte. Ich erkenne mich nicht wieder. Das System trägt Schuld daran, dass ich kein Sättigungsgefühl mehr verspüre, versuche ich mir selbst einzureden, bevor mein Hammer den Kopf eines flugunfähigen Vogels zertrümmert. Geräuschlos zersplittert sein Schädel. Sein Antlitz bleibt trotz massiver Krafteinwirkung intakt.

Meine eigene Grausamkeit, sie soll vor mir verborgen bleiben. Chicken McNuggets schmecken schließlich auch besser, wenn man nicht weiß, wie sie gemacht werden (essen würde man sie natürlich trotzdem).

In Japan töten sie dieselben Monster bereits auf dem Weg zur Arbeit, quasi als Vorbereitung darauf. Dort angekommen stirbt manchmal wirklich einer, weil er zuviel gearbeitet hat. Das nennen sie dann Karōshi. Doch weil die Arbeit niemals stillstehen darf, erlaubt mir das Spiel nicht einfach so zu sterben. Ich falle in Ohnmacht und stehe wieder auf. Immer wieder, bis der Job erledigt ist. Es soll ein Tod auf Raten sein. Denn mit jedem zusätzlichen Hammerhieb spüre ich unweigerlich, wie ein kleiner Teil von mir stirbt. Damit das System weiterleben kann.

 

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4 Gedanken zu “Monster Hunter World: Karōshi

  1. Endlich ist mir wieder klar geworden, was mich an MHW so sehr stört. Die von dir beschriebene Bedeutungslosigkeit war etwas, was mich zu Anfang des Spiels irritiert hat, womit ich mich später aber abgefunden habe. Unterbewusst hat mich das Spiel aber, glaube ich, aus genau diesem Grund doch unbefriedigt zurückgelassen. MHW hat viele kleine Makel, die mir in ihrer Summe auf den Geist gehen. Aber dieser pure Fokus auf das Optimieren von Werten ohne signifikanten Kontext oder spürbare Konsequenzen in der Welt ist wohl der größte Wermutstropfen.

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