Celeste: Eine andere Geschichte

Ich war bei einem Freund zu Gast, da war ich 19, der hatte einen Keller vollgestellt mit Musikinstrumenten. Da war ein Schlagzeug, eine Gitarre, ein digitales Klavier und noch so kleinerer Nippes. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie versucht, ein Instrument zu spielen. Zwei Tage später fuhr ich mit meiner ersten EP in den Händen wieder heim.

Es war ein eher unscheinbarer Moment, als die Frage aufkam, ob ich nicht ein bisschen Musik machen wolle. Klar wollte ich das, aber ich konnte ja nichts. Das war aber in Ordnung. Ich fühlte mich nicht unter Druck gesetzt, jemandem in diesem Moment etwas beweisen zu müssen. Mir selbst vielleicht, aber das ließ ich mir nicht anmerken.

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Caspar David Friedrich: „Morgennebel im Gebirge“, 1808

Ich probierte alles aus. Die Saiten schnarrten, die Orgeltöne waren schief und beim Rhythmus musste der Computer nachhelfen. Es klang alles ziemlich furchtbar, aber wir konnten darüber lachen. Manchmal lachte ich auch, um meine Unzufriedenheit zu überspielen. Wenn etwas am Ende krumm und lustig klang, ich mich aber eigentlich bemüht hatte, zur Abwechslung etwas Wohlklingendes hinzubekommen. Als das Wochenende vorüber war, legte ich zu Hause die CD mit den fünf „Liedern“ ein, musste selbst noch einmal kräftig lachen, aber wusste auch, dass ich es ernst meinte.

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Ich sparte mir das Geld für meine erste Gitarre zusammen. Jeden Tag, wenn ich vom Zivildienst zurückgekehrt war, übte ich manisch. Ohne nennenswerte Anleitung, einzig getrieben von dem Eifer etwas zu schaffen, das mir gleichzeitig unmöglich schien. Die blutenden Fingerkuppen waren wie Kriegsnarben. Ein Zeichen dafür, dass ich auf dem Weg zu meinem inneren Frieden wieder ein Stück vorangekommen war.

Regelmäßig schickte ich genanntem Freund Aufnahmen von meinen zaghaften Fortschritten und auch wenn ich noch oft selbst vieles ins Lächerliche zog, um meine eigentlichen Ambitionen zu verschleiern, enttarnte dieser mein ernst gemeintes Streben mühelos. Mich erreichte kurze Zeit später ein großes Paket, in dem sein altes Keyboard steckte. Ich war in meinem Leben vermutlich nie wieder so dankbar, wie in diesem Augenblick.

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Ich dachte, mir selbst etwas beweisen zu wollen wäre Motivation genug gewesen. Doch im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, wie lange ich so hätte weitermachen können. Jemanden gehabt zu haben, der mich in meinem Vorhaben unterstützte und an mich glaubte, gab mir einen solch immensen Schub, dass ich über ein Jahrzehnt hinweg kaum etwas anderes im Sinn hatte, als Musik zu machen. Es war dabei stets eine Sache, die ich für mich selbst tat, auch, weil ich mir bis heute nicht zutraue, mit jemandem zusammen zu musizieren, der dies tatsächlich beherrscht. Zu groß ist immer noch die Angst davor, dass das eigene Bemühen weggelacht werden könnte.

Ich habe nie das Niveau erreicht, nach dem ich strebte. Aber ich habe Dinge auf dem Weg dorthin erreicht, die ich mir niemals zugetraut hätte. Trotz all der Selbstzweifel und Aufgabegedanken, die mich dabei begleiteten.

Celeste erzählt eine andere Geschichte. Es ist das schönste Gefühl, sich dennoch in ihr wiederzufinden.

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