Floor Kids: Das erste Mixtape

Dass Subkulturen noch einmal ganz eigene Subkulturen haben können, geht in der breiten Wahrnehmung oftmals unter. Hiphop ist deshalb vor allem Smudo, der sich mit Bürger Lars Dietrich über Cros Maske auf Olli Geißens Chartshow-Couch unterhält. Oder ein studierter Philosoph mit ausgeprägtem Markenfimmel. Die anderen Elemente von Hiphop traten mit zunehmender Dekadenz immer weiter in den Hintergrund, weshalb DJs auch durch Macbooks ersetzt wurden und jede Wandkritzelei an der eigenen Häuserwand ein echter Banksy sein muss, der den Wert der urbanen Immobilie ins Unermessliche treibt. 35 Jahre nach The Message ist man doch irgendwie auch ein Stück weit satt.

floor kids 1

Anders Floor Kids, ein Hiphop-Spiel ohne Rap. Stattdessen auf echten Turntables zusammengescratchte Beats des mitvierziger Plattentellerleeressers Kid Koala, die mindestens so fresh klingen wie sein Eukalyptusatem riecht. Zu denen breaken dann grobskizzierte B-Boys und B-Girls ihren sehr eigenen Stiefel runter. Noogie, Ruckus, Scribbles, Raquette… ich möchte sie alle adoptieren, darf aber erstmal nur ein Kind von der Straße holen, als dessen Puppenspieler ich anschließend mit tighten Moves den Boden aufzuwischen versuche.

Während die meisten Rhythmusspiele ein strikt vorgegebenes Tastendrücken zum Beat einfordern, liebt und lebt Floor Kids den Freestyle. In der Musik gibt es schließlich keine Fehler. Und so kann ich ohne eingehendes Training bereits bei meinem ersten Versuch der überschaubaren Crowd im örtlichen JuZ ein anerkennendes Kopfnicken abringen.

floor kids

Es gibt keine komplizierten Tastenkombinationen, keine Strafen fürs Scheitern und keinen Grund zur Sorge. Floor Kids lässt mich die jugendlichen Persönlichkeiten seiner Figuren allein durch ihre Körpersprache und Tanzstile erschließen, ohne mich dabei in eine bestimmte Richtung zu drängen. Die Kinder im Spiel zeigen, was sie draufhaben, ohne dass mir dies zuvor gezeigt werden muss. Es ist ein stolpersteinfreies Kennenlernen, das dem Genre sonst so fremd ist.

Dieser ununterbrochene Flow hält vom ersten Freeze auf dem Supermarktparkplatz bis zum letzten Powermove während der UN-Sicherheitskonferenz(!) an, doch dann rutscht die Nadel auch recht fix wieder von der Platte. Highscores stehen nicht wirklich im Fokus, weswegen das Wiederholen einzelner Songs höchstens der Songs selbst halber lohnt. Dafür kann man aber immerhin andere Girls and Boys im Mehrspielermodus battlen und diese durch eigenes rhythmisches Mitwippen gezielt aus dem Takt bringen.

floor kids 2

Floor Kids ist ein kleines Spiel mit großem Herzen, das sich jedweder Businesslogik entzieht. Wer keine altschuligen Instrumentals mag, wird hier vermutlich passen. Wer nichts mit Breaken am Hut hat, wird hier vermutlich passen. Wer herausfordernde Rhythmusspiele favorisiert, wird hier vermutlich passen. Und wer all das zuletzt Genannte zwar liebt, aber keine Switch sein Eigen nennt, nun…

Es ist wie das erste Mixtape, das allein aus Liebe zum Game entstanden ist. Keine Großmaulerei, kein Kalkül, keine Kompromisse. Mit dieser erfrischenden Unangepasstheit ist Floor Kids ein willkommenes Gegenstück sowohl zu populäreren Gaming- als auch gegenwärtigen Hiphop-Trends.

Wohlverdiente 4 to the Floor and 3 to the Kids!

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