Super Smash Bros. Ultimate: Allein unter vielen

Jeder ist hier und du mittendrin. Die Musik, die aus dem Wohnzimmer in die Küche dröhnt, hinterlässt rhythmische Wellen in deinem halbgefüllten Plastikbecher. Es ist ein Lied, das dir seltsam bekannt vorkommt, auf dessen Namen du jedoch einfach nicht kommst. Jemand reicht dir ein Tablett mit süßen Häppchen, die – in allerlei Lebensmittelfarben getränkt – ihren wahren Inhalt nicht verraten. Du lehnst ab, doch deine Worte gehen in all dem Trubel unter, also nimmst du aus Höflichkeit doch etwas, das aussieht wie ein Muffin, der 99,4% des sRGB-Farbraums abdeckt. Du beißt hinein und alle sind hier. Nur du bist allein.

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Du bist nur hier, weil jeder hier ist. Nicht weil du hier sein solltest. Du schaust in die Runde, in strahlenden Gesichter. In Gesichter voller Geschichten, die schon lange zurückliegen und die sie sich doch immer wieder erzählen. Ein dumpfes Lachen tönt durch den Lärm. Ein ansteckendes Lachen, das auch dir ein Lächeln ins Gesicht treibt, weil es dich an früher erinnert. An ein Früher, als alles so einfach schien. 

Du nimmst einen weiteren Bissen, während sich die anderen für die Fotowand ablichten lassen. Jeder ist hier und jeder soll hier auch verewigt werden. Die Schönheitskönigin, der Spitzenathlet, der Metalhead, der Computerfreak, sie bilden eine solch unwahrscheinliche Collage, dass Utopien von Weltfrieden und Mietpreisbremsen plötzlich möglich scheinen. Du übst dein aufrichtigstes Lächeln im Flurspiegel, bevor das Blitzlicht auch dein unscheinbares Antlitz verewigen soll. Dein Grinsen erstrahlt in allen Regenbogenfarben, weil dir die Muffinreste noch immer an den Zähnen kleben. Jeder ist hier und jeder soll sehen, dass du dazu gehörst. Es ist an der Zeit.

ICONWALUIGIDein stolzer Schnauzer spiegelt sich im Objektiv der Kamera, als plötzlich Anfeuerungsrufe die immense Geräuschkulisse um dich herum durchdringen. Du verstehst nicht genau, was sie rufen, aber du verstehst sehr wohl, dass dein großer Moment warten muss, als sich die Kamera von dir abwendet und stattdessen die Prügelei in den Fokus nimmt, die vor deinen Augen zu eskalieren droht. Was als kleine Rauferei beginnt, gerät zusehend zur unübersichtlichen Massenschlägerei. Immer mehr Fäuste schlagen aufeinander ein, Schmerzensschreie treten an die Stelle, wo eben noch dieses unbedarfte Lachen stand. Du versuchst zu schlichten, was nicht mehr zu schlichten ist. Deine Stimme überschlägt sich synchron zu den fliegenden Gegenständen und Körpern der eher ungeschickten Kampfbeteiligten. Dann wird es erst ganz still und anschließend vollkommen dunkel um dich herum.

Als du wieder zu dir kommst, ist niemand mehr da. Du liegst in den Trümmern deines großen Traumes und kannst dich kaum bewegen. Du erspähst den violetten Saum deiner Mütze unter einem Haufen zerbrochener Flaschen und greifst nach ihr. Den Schmerz, als du dich an den herumliegenden Scherben schneidest, nimmst du gar nicht wahr. Weil alles andere noch so viel mehr wehtut.

Auf dem Weg nach draußen kommst du noch einmal am Flurspiegel vorbei. Du schaust ausdruckslos hinein, während du das aufgestickte Logo deiner zerfledderte Mütze auf deinem Kopf zentrierst. Dann zwingst du dich zu einem letzten Lächeln.

Es war an der Zeit, doch deine Zähne, sie strahlen längst wieder blendend weiß.

 

 

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