Sekiro: Konfrontalunterricht

Wenn man 9-13 Jahre lang zur Schule gegangen ist, läuft man nicht einfach aus der schriftlichen Matheprüfung raus und kehrt nicht mehr zurück. Auch wenn viele vermutlich mindestens die Hälfte ihrer Schulzeit nicht wirklich verstanden haben, warum sie sich die ganze Scheiße überhaupt antun, sehen die meisten von ihnen auf der Zielgeraden zumindest ein, was alles auf dem Spiel steht. Auf meinem Spiel stand zuletzt Sekiro: Shadows die twice. Und auch wenn ich mich gefühlte 13 Jahre durch dieses Spiel quälte, habe ich die Abschlussprüfung mittendrin verlassen und seitdem auch nicht das Bedürfnis verspürt, sie noch einmal nachholen zu wollen.

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Sekiro ist ein Lehrer, der all seine Schülerinnen und Schüler gleich behandelt. Ein fairer Lehrer also, gleichzeitig jedoch ein ziemlich grottiger Pädagoge. So ist seinem positiven Bestreben, jedem seiner Schützlinge den Unterrichtsstoff zu vermitteln, eine gewisse Unbeholfenheit gegenübergestellt, was den Umgang mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen oder gar Verweigerungshaltung anbelangt. Sekiro kennt nur Konfrontalunterricht. Übung macht den Meister und stete Wiederholung festigt das erworbene Wissen. Als Hausaufgabe schaut man Boss-Guides auf YouTube an.

Es ist diese unbarmherzige Mentalität, die Sekiro als Lehrmeister so unnahbar und in vielen Augen gar unantastbar macht. Es ist niemals unfair, weil es einem stets die eigenen Fehler aufzeigt. Weil es hervorhebt, warum man selbst daran Schuld ist, sollte man irgendwann in einer besonders kalten Dezembernacht vor der Eingangstüre von Karstadt jämmerlich erfrieren. Und wer im Unterricht aufgepasst hat, steht anschließend mit halbiertem Lebenswillen wieder auf, nur um wenige Momente später denselben Tod noch einmal zu sterben.

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Welch eine reaktionäre Auffassung von Fairness, wenn diese von einer Gleichheit der individuellen Voraussetzungen ausgeht, die in der Realität schlichtweg nicht reproduzierbar ist. Sekiro ist nicht zuletzt deshalb ein streng darwinistisches Spiel, bei dem nur die Harten in den Garten kommen und jene Individuen, die nicht mit Armen gesegnet sind, auf Kekse verzichten müssen. Es fängt ausschließlich diejenigen auf, deren Fell dicker ist als die Löcher des Siebs, durch das alles direkt in den Abfluss rinnt, was das Spiel als Schwäche zu erkennen glaubt. Wie bedauernswert ist es doch, wenn ein Titel einem so viel beibringen will, dies jedoch nur auf eine solch limitierte und limitierende Art und Weise vermag.

Dabei gäbe es so viel zu sehen und zu entdecken. So viele wunderbare Details, Charaktere und Geschichten. Doch es gehört zum Konzept, diese einigen wenigen Auserwählten vorzubehalten. Wie ein Elite-Internat bildet Sekiro seine Jünger aus, die sich am Ende zwar ein fein gerahmtes Diplom an die Achievementwand hängen können, die jedoch zeitgleich auch den Bezug zu den wirklichen Kämpfen außerhalb der Burgmauern verlieren. Es schafft eine exklusive Denkweise, die es mitnichten nötig hätte.

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Doch auch Sekiro selbst fehlt es an Empathie für sein Publikum. Es steht für sich allein und für sich selbst ein, als Meisterwerk, das gemeistert werden will. Ein Spiel, das so viel fordert, aber so taub gegenüber den Bedürfnissen derjenigen ist, die so gern mehr von ihm hätten, als ihnen zugestanden wird. Es lehrt Persistenz, Überwindung und Geduld. Doch seine wichtigste Lektion ist ausgerechnet eine, die es selbst nicht verinnerlicht hat: Die Validität des Aufgebens.

Ich weiß, dass ich auch den letzten Gegner kleinkriegen würde, wenn ich es nur oft genug versuche. Das wusste ich bei jedem Stein, den mir das Spiel in den Weg gelegt hat. Doch bei keinem besiegten Boss fühlte ich eine ähnliche Erleichterung wie nach der Entscheidung, den letzten einfach allein auf seiner idyllischen Blümchenwiese stehen zu lassen. Es fühlt sich nicht wie ein Scheitern an. Vielmehr ist es ein Triumph über die eigene, unsinnige Anspruchshaltung, ein Spiel unbedingt bezwingen zu müssen.

Ich habe viel von Sekiro gelernt. Nur leider nichts von dem, was es mir eigentlich beibringen wollte.

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2 Gedanken zu “Sekiro: Konfrontalunterricht

  1. Ich verzweifele am selben letzten Hindernis. Aufgeben war bislang nie eine Option, nun kann ich es zumindest in Betracht ziehen, danke. Aber ein paar hundert Leben gebe ich dem jungen Wolf noch.

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