The Division 2: Den Kopf einziehen

Einen Moment lang kam ich dann doch ins Grübeln. Ich hatte soeben als Teil einer zivilen Elitesoldatenstreitmacht die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika aus den Händen von Plünderern befreit und erhielt als Belohnung eine dicke Wumme. Sollte es sich bei The Division 2 etwa doch um ein politisches Spiel handeln? Die Schadenswerte der neuen Knarre waren deutlich besser als die meiner bisherigen, also dachte ich mir erst einmal nichts weiter dabei.

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Das Washington D.C. im Spiel ist das Washington D.C., das man auch aus der Tagesschau kennt. Nur noch kaputter und verdorbener. Menschen leben hier nicht mehr. Sie sammeln lediglich die Überreste der Zivilisation auf. Rucksäcke, Dosentomaten, Schrauben und Sturmgewehre. Ich schieße auf sie, um die Schrauben anschließend jemand anderem zu geben, der mir daraus einen schönen Helm bastelt. Den hole ich mir dann im Weißen Haus ab, in dem kein Präsident mehr wohnt, sondern We The People.

Manchmal sehe ich ein Reh, das sich verlaufen hat. Sein Anblick versichert mir sehr eindringlich, dass das hier nichts mit Politik zu tun hat.

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Ich bekämpfe diverse Splittergruppen mit Splittergranaten und warte auf den Plottwist, dass ich eigentlich die ganze Zeit der Böse bin. Darauf kann ich lange warten. Plakativ rot leuchtend erscheinen Begriffe wie „Propaganda Broadcast“ und „Public Execution“ auf meiner Karte. Ein ironisches Augenzwinkern in Richtung der unbelegten Kritik, Ubisoft würde sich dieses Mal womöglich doch zu einem politischen Statement hinreißen lassen.

Der Virus aus dem ersten Teil wurde durch Papiergeld am Black Friday übertragen und ist nicht politisch. Er ist jetzt auch in der Hauptstadt zu Hause, ansonsten sind die Häuser leer und ich weiß nicht genau, wen oder was ich hier noch retten soll. Die wenigen verbliebenen Zivilisten stehen vor den Trümmern ihrer Demokratie und warten auf bessere Tage. Tage, an denen ein Spiel einfach wieder nur ein Spiel sein kann und es nicht mit irgendeiner politischen Agenda unterwandert ist. Wie wenig sie doch ahnen, dass sie sich bereits genau in einem solchen Spiel befinden.

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In The Division 2 sollte man sich dennoch seine Gedanken machen. Etwa über die Hersteller der eigenen Kampfausrüstung. Kombiniert man mehrere Teile einer Marke miteinander, erhält man Boni auf Schaden, Rüstung oder Swag. Damit kann man sich Welle für Welle der marodierenden Lausbuben und -bübinnen effektiver entledigen. Mit meinem Maschinengewehr feuere ich 100 Patronen auf ein und denselben Gegner ab. Er zuckt nur ein bisschen, bevor er mir seinen Hammer über den hübsch behelmten Schädel zieht. Ich muss effektiver werden und schneller und besser. Immer höhere Werte erreichen. Wäre das hier ein Buch, könnte man dies als subtile Kapitalismus- und Selbstoptimierungskritik missverstehen. In The Division 2 steckt glücklicherweise nichts dahinter.

Irgendwann habe ich dann Washington D.C. vom Abschaum befreit und feiere meinen Sieg über Politik in Videospielen. Bis eine Zwischensequenz nur wenige Augenblicke später die erneute Invasion der Hauptstadt durch eine zusätzliche Splittergruppe ankündigt. Alles ist plötzlich wieder rot und rot heißt böse. Ein nicht enden wollender Teufelskreis aus purem Spielspaß. Ich kann zudem die Hunde in The Division 2 nicht erschießen, aber auch nicht streicheln. Ein politisch neutraleres Spiel ist kaum vorstellbar.

The Division 2 ist ein gelungener Deckungsshooter, weil er immer dann erfolgreich den Kopf einzieht, sobald es darum geht, tatsächlich etwas auszusagen.

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