Animal Crossing New Horizons: Hot Yoga

Für 15-20 Minuten am Tag dem ganzen Trubel entkommen. Etwas für Körper und Seele tun. Seine innere Balance wiederfinden. Als Bäumchen posieren für Instagram und Tinder. Alltägliche Alltagsflucht als Teil der Alltagsoptimierung. Retreat, Retreat! Rückzug als Bewältigungstrategie für diejenigen, die auf der Strecke bleiben müssen, um den Vorsprung der anderen weiter ausbauen zu können. Animal Crossing: New Horizons ist das perfekte Spiel für die Krise. Entschleunigung, von 100 auf 0 oder zumindest auf 90. Für all jene, die es sich leisten können. Holzhacken in Kurzarbeit. Yoga mit Schwitzen. Hat man wirklich etwas nur für sich gemacht, wenn es niemand sehen konnte?

Niemand ist eine Insel.

Animal Crossing ist Japanisch und bedeutet frei übersetzt #selflove. Es ist ein Ort, an den man geht, wenn man eine Pause benötigt. Von dem Großraumbüro, der Großstadt oder der Großen Depression. Ein digitales Heiligtum, welches als Rückzugsort so gut funktioniert, dass man es gar nicht bemerkt, wenn man beim Übertreten seiner Türschwelle wieder am Ausgangspunkt angelangt ist. Ziehe 4.000 Sternis ein und baue ein Hotel auf der Schlossallee. Direkt neben der weggetretenen, betrunkenen Möwe im Matrosenanzug, die einfach Pech hatte im Leben. Einfach nur Pech.

NiEmAnd ist eIne InSel.

Animal-Crossing-New-Horizons_Tipps (1)

Die Post von der Bank liegt ungeöffnet neben einer Packung Hafermilch, auf der steht, was für ein toller Mensch man sei. Sie wird morgen früh auch das Porridgefoto komplementieren und 33 Likes erhalten. Wieder Home Office, wieder Videochat, wieder Holzhacken, wieder Angeln, wieder Nachttischlampen aus Birnen basteln. Eine Kollegin sagt zum Abschluss, dass es ja so spannend sei, wie die Welt wohl nach der Krise aussehen werde. Gleichzeitig steigt Bernie Sanders aus dem Präsidentschaftsrennen aus und jemand twittert seinen Animal-Crossing-Inselcode, damit man bei ihm die eigenen Rüben für über 300 Sternis das Stück verticken kann. Am Abend versammeln sich weltweit Spielerinnen und Spieler auf ihren Balkonen und applaudieren dieser heldenhaften Tat.

niemanD isT einE inseL.

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Animal Crossing ist ein Spiel für die soziale Isolation. Man kann hier einsam sein, aber niemals allein. Irgendjemand will immer etwas von einem. Die ungeöffnete Post eines Waschbären liegt neben der Birnenlampe und die Gewissheit, für immer bei ihm in der Kreide zu stehen, ist am Ende des Tages nicht mehr als ein augenzwinkerndes Meme irgendwo außerhalb der Spielwelt. Jener Spielwelt, die einen Alltag reproduziert, dessen Antithese sie so gerne vorgibt zu sein. Ein Spiegelbild des Lebensgefühls einer Generation, die sich mit zwei Hochschulabschlüssen kaum die Miete in einem Berliner Randbezirk leisten kann. Einer Generation, die sich ihre Existenz- und Zukunftsängste mit dem Teilen von Bildern und Videos aus einer anthropomorphen Kinderfernsehwelt zu vertreiben versucht, weil es gefühlt das Einzige ist, was sie vor der vollständigen Resignation schützt.

Nie man d is    t e    ine I    n se     l

Es ist schwer, sich ein modernes Animal Crossing außerhalb des Kontextes der Pandemie vorzustellen. Ein Spiel, das mit der Implementierung von Nook-Meilen sogar die Frage nach der Payback-Karte an der Rewe-Kasse imitiert, ist momentan vielleicht sogar näher am Alltag vieler Menschen als ihr realweltlicher Lebenswandel. Es fehlt die Fantasie, sich etwas vorstellen zu können, das von den etablierten Strukturen abweicht. So steht auch in einem Spiel, das angeblich gar nichts von einem will, stets die eigene Produktivität im Vordergrund. Damit andere sehen können, wie sehr man auf sich Acht gibt. Beim Essen, beim Yoga und in einem Videospiel. Denn erst, wenn die eigene Insel fünf Sterne bei TripAdvisor erhalten hat, kann man vielleicht wieder eine Nacht ganz ruhig und selig schlafen. Nur das Hafermilchporridge am nächsten Morgen sollte man dann vielleicht lieber nicht auf der sonnigen Terrasse genießen, damit einem die betrunkene Möwe im Matrosenanzug nicht in die Schale scheißen kann.

 

 

 

 

 

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