Wilmot’s Warehouse: Endhaltestelle

Es ist mein Job, den Leuten zu geben, was sie wollen. Das hat der dreieckige Juan gesagt, der mich stark an ein altes Kinderlied erinnert, während ich auf seine Anweisung hin eine Palette Hüte ins Lager bringe. Anschließend räume ich die restlichen Sachen vom LKW in ein anderes Regal. Es gibt für alles ein passendes Regal. Ordnung muss sein. Viel mehr muss ich zur Einarbeitung nicht wissen.

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Ein weiterer LKW fährt vor und bringt neue Sachen. Ich lächle. Ich kann nicht aufhören zu lächeln. Ich nehme so viel ich tragen kann und suche die passenden Regale. Manchmal gibt es keine passenden Regale und von Juan gibt es weit und breit keine Spur. Juan ist nicht mehr Teil des Unternehmens. Ich bin allein und muss selber Ordnung schaffen. Im Radio wird davon berichtet, dass ein Busfahrer niedergestochen wurde, weil er einen Fahrgast aufgefordert hat, die Musik leiser zu drehen. Billie Eilish singt anschließend „Bad Guy“. Ich drehe die Lautstärke etwas herunter und packe dekorative Leuchttürme in ein leeres Regal. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Kolleginnen und Kollegen von der Warenausgabe eintreffen.

Drei Gabeln, fünf Regenschirme, ein Weihnachtsbaum und ein Spenderherz. Alles muss schnell gehen. Versand noch am selben Tag, jeden Tag. Ich lächle. Ich lächle und schwitze dabei. Meine Grinselippen schmecken salzig, während ich den Baum zur Ausgabe schleppe. Gerade noch rechtzeitig. Ich stemple mich aus und bekomme Sterne ausbezahlt, mit denen ich meine Arbeitskraft optimieren kann. Ordnung ist das halbe Leben und das halbe Leben findet im Lager statt. Jemand hat sich vor die Bahn geworfen, also schwitze ich am Gleis noch eine Weile weiter. Ein paar Jugendliche hören sehr laut Musik. Ich beiße mir auf die salzigen Lippen, die immer noch lächeln und werfe eine Münze in den Getränkeautomaten, die unten wieder herausfällt. Erst jetzt wundere ich mich, warum jemand im Hochsommer einen Weihnachtsbaum bestellt. Dann denke ich nicht mehr daran und spüre, wie meine Kopfschmerzen im Takt eines mittelmäßigen Trap-Beats pulsieren.

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Ein neuer LKW. Mehr Sachen, wenig Platz, noch weniger Zeit. Baseballschläger, Wikingerhelme, Kamele, Kuchendiagramme. Ich muss umräumen, damit alles seinen Platz hat, aber die Uhr läuft unerbittlich herunter. Schon klingelt es am Tor zur Warenausgabe und noch während ich versuche, die fehlenden vier Regenbögen wiederzufinden, schließt jemand das Zeitfenster, das von vorn herein nur auf Kipp geöffnet war.

Zum ersten Mal lerne ich meinen Vorgesetzten kennen. Er heißt CJ und ich soll in sein Büro kommen. Ich lächle beim Eintreten und schwitze nun noch mehr als bei der Arbeit. CJ sagt, dass zukünftig noch mehr Sachen geliefert werden und dass es Änderungen geben wird. Er zeigt mir ein motivierendes Poster, das ab dem Folgetag in der Halle hängen wird. Ich weiß nicht mehr, welchen Gesichtsausdruck ich habe und nicke still. Auf den Monitoren in der Bahn sieht man später, wie Dreiecke auf den Straßen demonstrieren und mit Tränengas und Gummigeschossen traktiert werden. Ich schlafe ein und wache erst an der Endhaltestelle wieder auf. Wofür braucht jemand überhaupt vier Regenbögen? Dann fallen mir die Lider wieder zu.

Am nächsten Tag bin ich nicht mehr allein. Ein Roboter soll mich bei der Arbeit unterstützen, ist anfangs jedoch mehr Hindernis als Hilfe. Zwischen den Regalen pinkele ich in eine Flasche, während der Roboter einen Stapel Suppenkellen zu den Hundehalsbändern stellt. Von oben schaut CJ aus seinem Bürofenster und schüttelt den Kopf. Es gilt mir, nicht dem Roboter. Als die Klingel der Warenausgabe ertönt, rutscht mir vor Schreck die Pissflasche aus den schwitzigen Händen. Ich muss den Leuten geben, was sie wollen. Sie wollen sieben Trillerpfeifen und ich weiß nicht mehr, wo ich sie wiederfinde. Der Roboter schon. Ich decke die Pfütze auf dem Boden mit dem motivierenden Poster ab und stempele mich aus. Heute keine Sterne für mich.

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In der Bahn treffe ich Juan wieder. Seine Augen sind rötlich verfärbt. Er erzählt mir, dass der Besitzer des Lagers über Nacht um 18 Milliarden reicher geworden ist, nachdem er und tausende andere Lagerarbeiter ihren Job verloren haben. 18 Milliarden Gießkannen? 18 Milliarden Spiegeleier? Ich verstehe nicht, worauf er hinaus will. Ordnung ist das ganze Leben und Juan bringt Unordnung in meines. Ich kann ihn nicht leiden. Ich ziehe meinen Mundschutz höher, damit ich das aufgesetzte Lächeln ablegen kann und stecke mir Kopfhörer in die Ohren. Meine Halsschlagader pocht im Rhythmus der Musik. Ich drehe sie leiser, bis ich nur noch meinen Herzschlag hören kann. Juan steigt humpelnd aus und zeigt mir zum Abschied 18 Milliarden Mittelfinger. Ich bin ratlos, wo ich die nun auch noch verstauen soll.

CJ bittet mich erneut in sein Büro. Er bedankt sich für meine aufopferungsvolle Arbeit und erklärt mir, weshalb ich fortan nicht mehr gebraucht werde. Der Roboter wird mich ersetzen. Mein Leben ist ein Scherbenhaufen, der zusammen mit meinem Urin von einem Reinigungsroboter aufgesaugt wird. Ein LKW fährt vor, während ich meine Arbeitsklamotten zurück in den Spind tue. Wenn die Menschen wüssten, was sie wollen, warum schicken sie dann so vieles davon wieder zurück? Auf meinem Weg nach draußen dröhnt das Radio in ungeheurer Lautstärke aus dem Führerhaus des Lastwagens. „Mach‘ den Scheiß leiser!“ rufe ich ohne darüber nachzudenken, nur um festzustellen, das niemand mehr drinsitzt. Bevor der Gedanke in mir reifen kann, mich mit dem Laster in den nächstgelegenen Abgrund zu stürzen, erinnere ich mich daran, dass ich keinen LKW-Führerschein habe und verwerfe das Vorhaben. Ordnung muss schließlich sein.

 

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