Tony Hawk’s Pro Skater 1+2: Füchse

Eine Palette Hansa Pils, Jungs mit zu weiten Hosen, ein Sommer, der nicht enden will. Aaliyah stürzt nach dem Videodreh mit dem Flugzeug ab. Einer von uns weint, weil sie so schön war und zieht an der mit billigstem Bobel gefüllten Bong. Er hustet mehrere Minuten lang, bevor seine Lunge wieder genug Luft aufnehmen kann, um die verschwendete Schönheit Aaliyahs erneut zu preisen. Seine Eltern sind nie zu Hause, also gehen wir hoch, hören Deutschrap und spielen Tony Hawk auf der Dreamcast. Immer abwechselnd, immer Warehouse. „Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss“ dröhnt es aus den Boxen und wir nicken zustimmend.

Zertretene Dosen auf dem Schulhof, ein Junge mit Yankees-Cap schnitzt „NOFX“ mit einem Taschenmesser in die Sandpapierschicht seines Boards, um seine Individualität zu demonstrieren. Er probiert einen Ollie, dann nimmt er sich lieber eine weitere Dose Hansa und zieht die Cap tief ins Gesicht. Niemand kann von sich sagen, wer er ist und wer er sein will. Aber der Schulhof gehört uns. Bis die Sonne schließlich hinter dem abgerissenen Basketballkorb verschwindet und wir alle wieder wie ein Rudel Füchse vor der Dreamcast sitzen.

Die MTV News zeigen Bilder von der Beerdigung Aaliyahs, unsere Eisteedosen zischen beim Öffnen. Eine Dose spritzt auf das Futonbett, da sie zu stark geschüttelt wurde und wir brechen in Gelächter aus, während der opulent ausstaffierte Sarg in die Erde gelassen wird. Weiße Tauben flattern über den Röhrenfernseher und die Küchentücher über die purpurnen Satinbezüge, die zusammen mit der nur mäßig gut versteckten Kondompackung suggerieren sollen, dass hier auch ein Mädchen über Nacht bleiben könnte. Die Eltern sind sowieso nicht zu Hause. Doch es sind wieder nur wir Jungs, die abwechselnd den Highscore jagen. Ich sitze dabei auf dem Board, da das Bett noch zu feucht ist und rolle bei jedem Trick auf dem Bildschirm vor und zurück, als müsste ich selbst die Balance halten, um den Manual zu stehen. Auf der offen liegenden Beginner-CD spiegelt sich das Mondlicht und ich weiß, auch dieser Sommer geht vorbei.

Auf meinem Heimweg trete ich versehentlich auf eine herumliegende Dose, die sich mit meinem Schuh verhakt. Jeder weitere Schritt wird begleitet von jenem scheppernden Geräusch, das in den vergangenen Wochen den Schulhof zum Klingen brachte, wenn die Jungs Flunkyball spielten. Nur die ländliche Stille, die das Scheppern umgibt, ist ungewohnt und unheimlich. Wie ein Fuchs ohne sein Rudel. Ich schleiche in meinen Bau und habe keine Ahnung, dass es das letzte Mal war, dass wir zusammen auf Punktejagd gehen sollten.

Nun gibt es ein neues Warehouse, das wie das alte ist. Und für ein paar Runden fühlt es sich tatsächlich so an, als hätte ich mich auf den Eisteefleck gesetzt, der nie richtig getrocknet ist. Eine sonderbare Mischung aus Nostalgie und Entfremdung bahnt sich ihren Weg, zusammen mit der Gewissheit, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt. Tony Hawk selbst ist komplett ergraut und wirkt wie der Direktor einer unterfinanzierten Stadtteilschule, der mit verzweifelten Mitteln versucht, die schwierigen Kids für Algebra zu begeistern. Ein Spielerlebnis, als würde man eine zwanzig Jahre alte Dose Hansa Pils öffnen und sich urplötzlich bewusst werden, dass Füchse gar keine Rudeltiere sind. Alkohol mag zwar eine konservierende Wirkung haben, ein schaler Beigeschmack lässt sich dennoch nicht leugnen.

3 Gedanken zu “Tony Hawk’s Pro Skater 1+2: Füchse

  1. Sicherlich gibt es viele Gründe für deine ernüchternde Meinung (altersbedingter Begeisterungsverlust, You-Can’t-Go-Home-Again-Syndrom, die Tatsache, dass etwas lernen bzw. in etwas besser werden viel befriedigender ist, als festzustellen, wieviel schlechter man heutzutage ist), aber das entscheidende fehlende Element sind sicherlich die Nebeneinemhockenden. Tekken 6 ist Tekken 2 sicherlich in allen Bereichen überlegen, aber ohne Jens und Ulli, die die anderen Mitglieder der Mishima-Familie mainen, habe ich keine Motivation es herauszufinden. Zu dritt mit David und Jan das Singleplayerrollenspiel Champions of Krynn wochenendenlang zu spielen, während man den von ihrer Mutter kredenzten Wackelpudding (spielelorebezogen damals nur Baazschleim oder Bozakkotze genannt, je nach Farbe) verputzte, wird auch mehr in Erinnerung bleiben als es Baldur’s Gate 3 je vermögen wird.

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