Sieben von Zehn Regeln für guten Spielejournalismus

Quo Vadis, Spielejournalismus? Außerdem: Cui bono und quod erat demonstrandum? Alle Jahre wieder stehen nicht mehr ganz so taufrische Männer, die just ihre erste Retrokonsole auf Kickstarter gebackt haben, am Scheideweg ihrer Schaffenskrise. Gerade einmal acht Likes und ein Retweet brachte der letzte Artikel über die komplexe Historie der Frogger-Arcadeautomaten ein. Die steuerlichen Abgaben auf Patreon und Steady überschreiten auf absehbare Zeit die Einnahmen, obwohl man bei jeder sich bietenden Gelegenheit (und sogar einigen sich nicht bietenden) EXPLIZIT darauf hingewiesen hat, dass guter Journalismus eben auch was kostet. Was also tun, wenn die eigene Arbeit auf taube Ohren und in der Gesäßtasche verharrende Portemonnaies stößt? Und was bedeutet überhaupt gut im Kontext der Videospielberichterstattung? Wer sich an die folgenden sieben Erfolgsgebote hält, wird nicht weiter nach Antworten auf diese Fragen suchen müssen.


1. Reviews: Wertung ODER Text!

Es ist die berühmte Gretchenfrage: Sollen Spielerezensionen eine mutmaßlich objektivierende Wertungszahl erhalten oder lieber nicht, Gretchen? Doch die eigentliche Frage muss hierbei lauten: Braucht eine Wertungszahl überhaupt einen begleitenden Text? Wer einmal die Kommentarspalten unter Artikeln und Videos zu Reviews mit eindeutiger numerischer Einordnung betrachtet, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass jede weitere erläuternde Ausführung über die Köpfe der Zielgruppe hinwegzufliegen scheint. Warum also unnötige Wege gehen, wenn das eigene Narrativ bei der späteren öffentlichen Auseinandersetzung keine Rolle mehr spielt? Wer hingegen lieber ein anspruchsvolleres Nischenpublikum bedienen möchte, das nach analytischem Tiefgang lechzt, kann natürlich weiterhin gerne elaborieren, warum man sich in Injustice 2 wie Spiderman fühlt. Dann sollte aber auch die Wertungsziffer vermieden werden, schließlich wird der Begleittext zur Zahl stets als reines Lorem Ipsum fehlinterpretiert.

2. HODOR!

Da hat sich doch tatsächlich ein kleiner Fehler in den letzten Absatz eingeschlichen, den sicher der ein oder andere aufmerksame Leser bemerkt haben und gerade eifrig in seine Tastatur hacken wird. Ich nehme die berechtigte Kritik natürlich an, den Unterschied zwischen Marvel und DC nicht zu kennen und Spiderman falsch verortet zu haben. Müsste ich bei der 500€-Frage raten, wäre das Multiversum vermutlich eine neue Sorte Capri-Sonne. Spielebesprechungen folgen zu können erfordert oft ein hohes Maß an Vorwissen, nicht nur inhaltlicher Art. FPS, RTS, Metroidvania, Quick Time Events… keine andere Form der Medienbesprechung grenzt allein sprachlich potenziell Neuinteressierte so massiv aus, wie die Gatekeeper-Branche Spielejournalismus. Ähnlich wie Hodor hält man die ungeliebte Masse von seinem Lieblingshobby fern, indem man ihr mit allerlei historisch gewachsenen Vokabeln und Insider-Referenzen die Tür vor der Nase zuknallt. Diese eingebettete Annahme der Eingeweihtheit ist schließlich auch der Grund, weshalb ich hier eine der späteren Staffeln Game of Thrones spoilere. Wenn man eine Seite über Videospiele besucht, weiß man in der Regel automatisch auch, wofür der Name Hodor steht. Fakt!

3. Mit Schlangen schlafen

Wenn man Angst vor Schlangen hat, legt man sich für seinen wohlverdienten Mittagsschlaf vermutlich nicht in ein Kobrakörbchen. Wer allerdings Angst vor Spoilern hat, liest sich dennoch gerne dreiseitige Artikel zu einem frisch erschienenen Story-Spiel durch, um sich hinterher darüber zu echauffieren, zu viel über dessen Hintergrundgeschichte und Charaktere erfahren zu haben. Viele AutorInnen beschleicht deshalb das Gefühl, inhaltliche Eckpunkte, spätere Level und konsequente Plotkritik in ihrer Besprechung vermeiden zu müssen, um sich nicht angreifbar zu machen. Doch wer nicht spoilert, kann auch nichts Bedeutsames zu einer Diskussion beitragen, sondern liefert lediglich Beschreibendes auf Klappentext-Niveau. Der Mittagsschlaf im Kobrakörbchen hat aus Redaktionssicht zudem den Vorteil, dass die Spoileraufregung sich in erhöhtes Engagement auf der eigenen Plattform niederschlägt. Hass ist darüber hinaus ein beständig nachwachsender Rohstoff, den man guten Gewissens für die eigenen Wachstumsambitionen ausschlachten kann.

4. Marx Fatalis

Für irgendwas muss das Soziologie/Philosophie/Germanistikstudium ja gut sein. Ein Satz, der schon bei vielen orientierungslosen Jungmännern dazu geführt hat, dass sie in staubtrockener Hausarbeitslyrik seitenlang Foucaults Thesen aus Überwachen und Strafen auf die Hacking-Minigames in Watch Dogs anwenden. Doch seien wir mal ehrlich: Das Habermas ist voll! Nichts ist ermüdender als die schier endlosen Erläuterungen zu den antiquierten Thesen kettenrauchender Rundbrillenträger und das Erzwingen einer mutmaßlichen Relevanz im Kontext von Ubisofts Ideenresterampe. Wer auf YouTube schon einmal ein vierstündiges Videoessay in ähnlicher Darreichungsform erlitten hat, weiß, wie es sich anfühlt, wenn auch das letzte Fünkchen Lebensfreude aus dem erschlafften Körper weicht. Vielleicht wäre eine handwerkliche Ausbildung doch die bessere Entscheidung gewesen.

5. The next Jason Schreier

Neben Reviews, Top-Listen und Kolumnen, ist die Existenz des richtigen Journalismus in deutschsprachigen Spieleredaktionen bisher ähnlich glaubhaft nachgewiesen worden, wie Bigfoot, Yeti und ein drittes Half Life. Doch warum gibt es keinen deutschen Jason Schreier, der als Posterboy des investigativen Videospieljournalismus für das US-Wirtschaftsmagazin Bloomberg regelmäßig die heißesten Storys und Skandale der Branche aufdeckt? Dafür gibt es viele gute Erklärungsansätze (Vernetzung, Budget, Skalierung) und einige schlechte (keine Storys im deutschsprachigen Raum, keine Relevanz). Letztlich fehlt es aber auch an Verständnis dafür, was der Begriff investigativ im Zusammenspiel mit der Gamesbranche umfasst und welche Hintergründe es tatsächlich wert sind, genauer beleuchtet zu werden. Am Ende bekommt man dann Heino Ferch und Ralf Moeller statt Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger. Dann soll mir doch lieber weiter ein unbezahlter Praktikant bei der GamePro seine steile These um den Bauchnabel streichen, weshalb ein Easy-Mode für Dark Souls die künstlerische Vision eines japanischen Masochisten verwässern würde.

6. Bubble Trouble

Starker Text! Toller Artikel! Wichtiges Thema! Daumenhochemoji!

Worte, die runtergehen wie Öl, als man sich das flüssige Gold noch leisten konnte und es nicht so verschwenderisch wirkte, wenn man den ganzen Körper mit dem Zeug eingeschmiert hat. Feedback ist oft die einzige greifbare Form der Bezahlung, wenn man sich öffentlich mit dem Thema Videospiel auseinandersetzt. Wie legales Falschgeld wiegt es einen in der trügerischen Sicherheit, einen gehaltvollen Beitrag zum Diskurs geleistet zu haben. Doch läuft jener Diskurs nach wie vor oftmals in sehr engen Bahnen ab und wird von denselben wenigen Stimmen geführt, die ihn schon vor zehn Jahren geführt haben. Ein gegenseitiges Befruchten, wenn man es positiv ausdrücken will. Ein inzestuöses Wiederholen und Hochhalten der immergleichen Vorstellungen von Herangehens- und Ansichtsweisen, wenn man es realistischer betrachtet. Divers läuft unter Diverses, während irgendein Christian im Spotlight noch mal die Geschichte auspackt, wie er auf ner Tausendmann-LAN-Party zwei Liter Red Bull auf seinen alten Röhrenmonitor gegöbelt hat. Ich gucke niemanden direkt an, aber ja, genau DU bist gemeint, CHRISTIAN!!! Und wenn man sich stets gegenseitig erzählt, was für geiles Zeug man wieder produziert hat, dann denkt man eben immer noch, man sei auf dem richtigen Weg, selbst wenn sich außerhalb der eigenen Kekswichsclique keiner mehr dafür interessiert. Dennoch ’ne geile Idee mit dem neuen Podcastformat, Chrischi! ❤

7. Letzter Ausweg: Podcast

Wer Geld für Spielejounalismus übrig hat, hat leider zeitgleich keine Zeit, ihn in geschriebener Form zu konsumieren, da der Server in der Firma mal wieder gewartet werden muss. Schreiben ist eh viel anstrengender und aufwendiger als einfach mal draufloszuplappern. Deshalb lohnt es sich auch, dem geschriebenen Wort endgültig den Rücken zu kehren und bei Christians neuem Podcast „Auf einen Red Bull“ über die Zukunft des Spielejournalismus zu diskutieren. Bis diese einem irgendwann die zugehaltene Türe einrennt.

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