Tetris Effect: Erinnerungslücken

2004, zwölf Jahre vor der vollmundigen Ankündigung einer Tetris-Filmtrilogie, verfilmte der französische Musikvideoregisseur Michel Gondry schon einmal das spielerische Ursprungsmaterial und nannte sein Werk „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“.

card

In diesem Film durchläuft das Liebespaar Clementine und Joel eine schmerzhafte Trennung, infolge derer sich erstere dafür entscheidet, ein neuartiges Verfahren zur selektiven Löschung von Erinnerungen an ihren Ex-Partner zu durchlaufen. Als dieser ihr zu einem späteren Zeitpunkt erneut über den Weg läuft, sie ihn jedoch nicht mehr wiedererkennt, entschließt sich auch Joel für einen solchen Eingriff. Dieser wird in seinem Fall jedoch von zahlreichen Komplikationen begleitet. (Die Ähnlichkeiten zu Tetris sind so frappierend, dass ich mir eine nähere Erläuterung an dieser Stelle spare.)

erasing happy

Was folgt sind zahlreiche Vignetten, die Joels Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Clementine nachzeichnen, aber auch tieferliegende Ereignisse aus seiner Kindheit. Allen gemein ist, dass jene Clementine aus seiner Erinnerung beginnt, sich aktiv gegen ihre Löschung zur Wehr zu setzen und auch in Sequenzen eindringt, in denen sie nicht vorkommen sollte. Ihre Omnipräsenz führt zu einer Art Defragmentierung von Joels Gedächtnis und einem daraus resultierenden Erkenntnisgewinn, dass er mit der in diesem Moment stattfindenden Löschung einen großen Fehler begeht. Bis letztlich alles schwarz wird.

without you

Tetris Effect ist die Clementine meines Gedächtnisses. Kein anderes Spiel habe ich in den vergangenen Monaten ohne darüber nachzudenken gestartet, wenn das Durcheinander im Kopf zuviel wurde. Es wurde täglich zuviel. Seit Dinge nicht mehr geordnet nacheinander passieren, sondern gefühlt alles gleichzeitig, verlangsamt das Anordnen der unterschiedlichen Blöcke nicht nur die Flut an Informationen, Problemen und Emotionen. Es setzt sie komplett aus und sortiert sie im Hintergrund, während jeder Tastendruck nach zwei Jahrzehnten Erfahrung mit dem Spielprinzip eine reine Instinkthandlung darstellt.

clementine disappears

In diesen Minuten bin ich versunken, nicht ansprechbar, unfähig zu erkennen, ob ich durch das Spielen besser mit dem erhöhten Tempo der Welt umgehen kann oder doch einfach stehenbleibe, um zurückzufallen. Ich will alles löschen, weil alles brennt. Weil alles immer nur brennt. Eine weitere Push-Nachricht, während ich bereits am Rande des Wahnsinns stehe. Doch selbst wenn ich falle, ist Tetris der Fallschirm, der mich sanft über das Fegefeuer hinweggleiten lässt. Bis alles schwarz wird.

lights out

Dann wache ich auf und schaue mir all die Mitteilungen an, derer ich mich kurz zuvor noch versuchte zu entziehen. Wie Joel, der sich nach seinem letztlich doch erfolgreichen Eingriff die Tonaufnahmen anhört, die jeder Patient vorher machen muss, damit die zu löschenden Bereiche des Gehirns lokalisiert werden können. Er erzählt von Clementine, von ihren gefärbten Haaren, ihrem Geruch, ihrer Impulsivität. Und er erkennt, dass sie ein Teil von ihm ist. Ein Teil seiner Geschichte, den er zwar löschen lassen, aber nicht leugnen kann.

falling apart

Beide entscheiden sich dafür, dass sie nach ihrem Abriss wieder etwas aufbauen wollen. Und dass es den Schmerz des erneuten, unaufhaltamen Abrisses wert sein wird. Aufbau und Abriss. Aufbau und Abriss. Aufbau und Abriss. Bis der Bildschirm schwarz wird und mich nur noch mein Spiegelbild fragend anschaut, als wüsste ich mehr als es selbst.

 

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