Cats: Das Raunen

Seit jeher gilt das Musical als die verbotene Kunstform. Es verhöhnt Schauspiel, Lyrik, Musik und sein Publikum zu gleichen Teilen und bildet somit die Speerspitze geschmacksentfremdeter Abendunterhaltung für Großstadttouristenehepaare, die sich für 200€ das Ticket ein Gefühl von ganz und gar unangebrachter Schamlosigkeit und eine durchtriebene Erinnerung an den überraschend ungestümen Sex danach kaufen, weil die Räudigkeit einen ganz wie von selbst übermannt.

Der Großmeister dieser Ekelkultur ist Andrew Lloyd Webber, der unter anderem mit Starlight Express, Das Phantom der Oper, Jesus Christ Superstar und eben auch Cats die emotionale Nulllinie der 80er- und 90er-Jahre bis in die Jetztzeit perfekt nachzuzeichnen wusste und sich an der turbokapitalistischen Gedankenleere seiner unmündigen Gefolgschaft dumm und dämlich verdiente. Und da sich viel Geld nun einmal sehr schnell einsam fühlt und langweilt, brauchte es dringend Gesellschaft. Eine 30 Jahre zu spät erscheinende Filmadaption mit einem inkohärenten Ensemble aus gleichermaßen zeitgenössischen wie aus der Zeit gefallenen Stars aus Film, Fernsehen und Spotify-Werbebannern sollte in diesem Punkt leicht Abhilfe schaffen können, wurde jedoch ZUR ÜBERRASCHUNG ALLER ein furioses Minusgeschäft. Mit einem halben Jahr Abstand fühle ich mich nun endlich dazu bereit, über das Erlebte zu sprechen.

Cat Table
Fernando Botero: „Still life with green soup“, 1972

Cats ist für den Musicalfilm, was The Last of Us 2 für Videospiele ist, das wiederum für Videospiele das Äquivalent zu Schindlers Liste ist. Nur, dass bei Cats dieses Mal das Deutsche Reich die Oberhand behält. In seiner zweiten Laufwoche war bereits kein Hamburger Großstadtkino mehr dazu bereit, dieses auf Film gebannte Kriegsverbrechen in seiner Originaltreue zu präsentieren, so dass ich notgedrungen in die niedersächsische Provinzhauptstadt der Kleingeisterei (Lüneburg, duh!) reisen musste, um die Leiche zu identifizieren. Das Kino, dem direkt das taktvoll benannte Sushi-Restaurant „Pearl Harbor“ angeschlossen ist, bot letztlich jedoch einen überraschend angemessenen Rahmen für das, was Worte nur schwer in seiner Gänze beschreiben können.

Der Name „Filmpalast“ strahlt eine Opulenz und Dekadenz aus, welche weder durch das Gebäude selbst noch durch seine suburbane Kernkundschaft gerechtfertigt werden können. Diese Form der kulturellen Selbstüberhöhung ist auch dem Musical von Anbeginn der Zeit an inhärent, so dass sich dieses Ambiente wie die wortwörtliche Faust aufs Auge anfühlte und mir noch Tage später Kopfschmerzen bereiten sollte. Parallel freute sich eine offenbar in der unmittelbaren Umgebung ansässige Jack-Wolfskin-Familie, bei denen Vater und Sohn die identische kecke Langhaarfrisur trugen, auf das große Finale von Star Wars. Ein wenig neidete ich ihnen in diesem Augenblick ihr Leben in seliger Unkenntnis, doch als die Absperrung schließlich gelüftet wurde und der verwirrte Blick des jungen Kartenabreißers auf meine Filmwahl fiel, wurde mir endgültig bewusst, dass es jetzt kein Zurück in ein einfacheres Leben mehr gab.

Neben mir und meiner ähnlich schmerzbefreiten Begleitung fanden sich zunächst lediglich zwei weitere junge Herren in jenem Saal ein, dessen Stromverbrauchskosten für die Vorführung an diesem Abend vermutlich die Ticketerlöse um ein Vielfaches überstiegen. Es kam zu einem kurzen Gespräch darüber, ob dies nicht ein potenzieller Kultfilm sei, zu dem man auch in zehn Jahren noch lustige Trinkspielchen abhalten könne. Mein inneres Kopfschütteln hinterließ physische Nackenschmerzen und einen eingeklemmten Wirbel. Die beiden waren ja fast noch Kinder. Zu jung um zu verstehen, was ihnen gleich bevorstehen würde. Während der Werbefilmchen gesellte sich zudem eine Gruppe von vier tatsächlich Jugendlichen hinzu, die allesamt unsicher schienen, sich im richtigen Film zu befinden und dennoch blieben. Ihr angewidertes Raunen, als schließlich die erste Katze auf der Leinwand erschien, lässt mir noch heute das Blut in den Adern gefrieren.

Cat Flowers
Book of Hours: „White Cat“, nach 1500

Ein halbes Jahr zuvor begann für mich eine wundersame Reise voller morbider Faszination für einen Filmunfall, der seine Irritation bezüglich der eigenen Identität schon im ersten Trailer nicht zu kaschieren vermochte. Die groteske Fetischisierung seiner Charaktere brach sich mit dem Uncanny Valley überhasteter und unausgereifter CGI-Effekte. Die ins Lächerliche tendierende Überzeichnung von Wesenszügen ließ den Unterschied zwischen Authentizität und Parodie verschwinden und alles, was Social Media in den folgenden Monaten zu diesem absurd fehlgeleiteten Teaser ausspuckte, leckte ich mit pervertiertem Genuss vom Boden wieder auf. Und all die Angst, all die tiefsitzende Beklemmung, der Film könnte womöglich nicht so verkommen sein wie sein Trailer, löste sich in jenem Moment in Luft auf, als ich dieses angeekelte Raunen aus der Reihe hinter mir hörte und der noch warme Atem in meinem Nacken den genauen Zeitpunkt verkündete, in dem die ungezähmte Lebensfreude aus ihren jungen, unschuldigen Körpern wich.

Kollektiv sanken wir immer tiefer in unsere Sitze, deren weiche Polster das persistente Gefühl der Unbehaglichkeit nicht zu mindern vermochten. Cats, dessen Musicalvorlage schon frei jedweder Handlungseinordnung und Zusammenhangserklärung war, wirft in tourettehafter Manier frei jedweden Kontextes mit Namen und Versatzstücken um sich, eingebettet in Lieder, die in ihrer sorglosen Beschwingtheit einen unangebrachten Kontrast zu den runtergekommenen Kulissenresten aus The Dark Knight bilden. Die Darstellerinnen und Darsteller erzählen im Promomaterial zum Film, dass sie zur Katzenschule gehen mussten, um zu lernen, wie man sich als Katze zu bewegen hat. Cats fühlt sich konsequenterweise wie ein Schultheaterstück an, bei dem das Talent mehr als ungleichmäßig verteilt liegt.

Cat Guitar
Book of Hours: „Melancholic Pussy-Cat“, 15. Jhd.

Wenn Sir Ian McKellen aus einem Milchnapf schlürft, tut er dies mit einer Überzeugung und Hingabe, als verkörpere er schon sein Leben lang die Rolle des zotteligen Stubentigers. Wenn Dame Judi Dench am Ende des Films die hirnverbrannte Zeile „a cat is not a dog“ zum Besten geben muss, schafft sie dies mit einer Aufrichtigkeit und Souveränität, dass diesen belanglosen Worten eine ungeahnte Weisheit innezuwohnen scheint. Und wenn Fucking James Corden in eine Mülltonne fällt, muss ich immerhin nicht weiter nach der passenden Analogie für seine Darbietung suchen. Vermutlich war Christian Bale ausnahmsweise nicht dazu bereit, für eine Rolle sein Körpergewicht zu verdoppeln, so dass Corden als fast schon zu offensichtliches Ziel der ziemlich aus der Zeit gefallenen Dickenwitzchen dienen muss, die für die Verfilmung vollkommen unhinterfragt übernommen wurden.

Doch Corden ist nun wahrlich das geringste Problem, welches Cats anhaftet. Für deutlich mehr Irritationen sorgt die technische Umsetzung, bei der sich so stark auf die Nachbearbeitung verlassen wurde, dass die Nachbearbeitung unter der untragbaren Last zusammenbrach und ins Koma fiel. So haben manche Katzen noch ihre Schuhe an, Judi Dench noch ihren Ehering, Größenverhältnisse sind mehr als fragwürdig, Darsteller clippen ineinander und die Szenen mit James Corden wurde vergessen im Nachgang rauszuschneiden. Zudem hat Jennifer Hudson durchgehend einen dicken Rotzfaden an der Nase und die Szene, in der Rebel Wilson ihr Fell abzieht und Kakerlaken frisst, ist kafkaeskes Albtraummaterial. Ein Missmanagement, das man in diesen Produktionsdimensionen nicht vermuten würde, was mich regelrecht versöhnlich stimmt, weil es der unterkühlten Künstlichkeit, die Hollywood normalerweise ausstrahlt, einen Hauch von zutiefst menschlicher Fehlbarkeit verleiht.

Cat thread
George Catlin: „Le Chat d’Ostend“, 1868

Ein letztes Mal geht ein deutlich hörbares Raunen durch den Saal, als zum Ende des Films schließlich die Siegerin des felinen Talentwettbewerbs gekürt wird. Ein unechtes Raunen gestellter Überraschtheit, das direkt in lautes Lachen kippt, weil alle acht Anwesenden dieselbe augenrollende Reaktion zeigen. Doch der Eindruck täuscht. Cats kann man nicht ironisch gucken, dafür ist der Leidensdruck viel zu präsent. Vielmehr ist es ein faszinierendes Mahnmal für die emotionale Distanz zum eigenen Medium geworden, dessen Planlosigkeit – von den unausgereiften Designentscheidungen bis hin zur misslungenen praktischen Umsetzung – eine chaotische Energie ausstrahlt, von der man sich entweder ernsthaft anstecken lassen oder ihr mit gesundem Desinteresse begegnen kann. Alles dazwischen wäre reiner Selbstbetrug.

Für mich persönlich war es eines der absolut unvergesslichsten Kinoerlebnisse meines Lebens. Im Positiven wie im Negativen. Cats ist ein Film, den ich nie wieder sehen möchte, weil ich ihn genau so in Erinnerung behalten will, wie er an diesem kalten Januarabend in Lüneburg auf mich wirkte (zumal eh längst nur noch die nachbearbeitete Fassung im Umlauf sein dürfte). Die Faszination ist nicht reproduzierbar und auch nicht vermittelbar. Noch Wochen später durchforstete ich Twitter nach weiteren Beiträgen, die mich an diesen Abend zurückführten. Doch auch das Cats-Shitposting musste irgendwann wichtigeren Themen weichen. Während ich das schreibe, höre ich mich selbst leise raunen. Viel leiser als während des Films.

Als der Abspann läuft, bleiben alle noch eine Weile sitzen. Unfähig sich zu bewegen und zu verarbeiten, was gerade passiert ist. Als wir zum Ausgang torkeln, fühle ich eine Mischung aus Scham und Genugtuung und glaube diese konträren Regungen auch in den ratlosen Gesichtern der anderen rauslesen zu können. Wir haben etwas miteinander geteilt, das wir nie wieder mit jemandem teilen können. Ein letztes Mal scherzen wir darüber, dass dieser Kinobesuch womöglich der Höhepunkt für das gesamte folgende Jahr gewesen sein könnte. Vielleicht steckte also doch ein wenig mehr von dieser seligen Unkenntnis in mir, als ich in diesem Moment wahrhaben wollte.

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