Disco Elysium: Leergut

KONZEPTUALISIERUNG [TRIVIAL: ERFOLG]: „Lass‘ es einfach! Du bist jetzt ein ernstzunehmender Autor und kannst nicht mehr dieselben Spielereien wie früher bringen. Das darf nicht mehr dein Anspruch sein! Dein Stil ist gereift wie ein guter Wein, dein überschaubares Publikum erwartet mehr als diesen billigen Federweißer aus dem Tetra-Pak, den du ihm hier zusammenzupanschen versuchst.“


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Doch es ist gar nicht so leicht, alte Gepflogenheiten loszuwerden. Selbst dann nicht, wenn man alles vergessen hat. Wer man ist. Wo man sich befindet. Wie es dazu kommen konnte, dass alles im eigenen Kopf ausgelöscht wurde. Zwischen all den Flaschen um mich herum fühle ich mich wie eine von ihnen. Entleert und weggeworfen. Bis jemand mich aufhebt, der noch einen kleinen Restwert in mir sieht. Vielleicht kann er mir dabei helfen, mich wiederzufinden. Doch sein zweifelerfüllter Blick lässt nichts Gutes erahnen.

Ich habe eine Aufgabe, doch ich funktioniere nicht mehr so, wie ich funktionieren sollte. Mein Handeln ist instinktiv, mein Instinkte meist falsch. Ein Teil von mir wünscht sich zurück in das Nichts, aus dem ich gekommen bin. Zurück zu den Flaschen und Kippenstummeln. Doch er zählt auf mich. Er zählt darauf, dass ich mich zusammenreiße, auch wenn ich es kaum bewerstelligt bekommen habe, mir selbstständig eine Hose anzuziehen. Die Hose ist zerrissen. Ich bin es auch – zwischen Übermut und Selbstmitleid. Zwischen dem, der ich war und dem, der ich sein will. Nur der, der ich bin, will ich nicht sein.

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Ich habe eine Aufgabe, doch ich kann mich nicht konzentrieren. Jeder trägt seinen eigenen Rucksack mit sich rum, doch meinen Scheiß müssen die anderen mittragen. Jeder, der mir begegnet, bekommt sein Häufchen von mir überreicht. Manchmal ist es sogar schon ihr zweites, ohne dass ich mich daran erinnern könnte. Ihre verwaschenen Gesichter sind mit demselben Pinsel gemalt wie meines und auch wenn ich sonst keine Verbindung herstellen kann, fühle ich mich ihnen dadurch ungewöhnlich nah. Plötzlich streift der Küstenwind durch mein öliges Haar und ein Schiffshorn ertönt in der Ferne. Es klingt, als puste mir jemand in meinen Flaschenhals. Dumpf und hohl. Pffft. Pfffffft.

Ich frage mich, wo ich die nächste Nacht schlafen soll. Ohne Geld. Ohne Namen. Ich frage jeden danach, den ich treffe. Nach Geld und nach Namen. Doch sie alle haben ihre eigenen Probleme, um die sie sich kümmern müssen, während ich versuche, meine zu ihren zu machen. Der zweifelerfüllte Blick verfolgt mich dabei auf Schritt und Tritt. Er zieht mich zur Verantwortung, wenn ich ihm zu entgleiten drohe. Ich habe so viele Menschen enttäuscht, ohne zu wissen warum. Manche können darüber lachen, manchen tue ich einfach nur leid. Am meisten mir selbst. Ich will es wieder gutmachen, doch weiß nicht wie.

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Ich suche Zuflucht im Banalen, weil sich das Banale mir leichter erschließt als die Suche nach Beweisen. Nach Beweisen für einen grausamen Mord. Nach Beweisen meiner vorherigen Existenz. Doch auch das Banale führt mich stets subtil auf jenen Pfad zurück, den ich so stur zu meiden versuche. So sehr ich mich auch bemühe mich selbst zu zerstören, muss ich irgendwann doch begreifen, dass der Auslöser für dieses Verhalten nicht kaputtzukriegen ist. Und ich kann nur zu mir zurückfinden, wenn ich ihn als einen Teil von mir akzeptiere. Um endlich loszulassen.

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Ich habe eine Aufgabe und mein Stolpern und Scheitern ist Bestandteil ihrer Erfüllung. Ich beginne zu begreifen, dass jener Blick lediglich meine eigenen Selbstzweifel widerspiegelt. Alles scheint miteinander verbunden zu sein. Verbunden in Trostlosigkeit und einer unterliegenden, tragischen Geschichte. Verbunden in Einsamkeit.

Doch am Ende kenne ich jeden Namen und jedes Gesicht in diesem verfallenen Abschnitt dieser einst so prachtvollen Metropole, die vom einstigen Krieg noch immer ähnlich heimgesucht zu werden scheint wie ich von meiner milchglastrüben Vergangenheit. Manche Dinge haben sich so sehr in die Knochen gefressen, dass Veränderung nur in Babyschritten möglich scheint. Doch zwischen all der fatalistischen Albernheit und der hoffnungsschwangeren Traurigkeit, die mir in meiner Zeit hier begegnet sind, scheint sie dennoch unausweichlich. Es ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühlen könnte. Wäre ich nur nicht für immer ein Fremder geblieben.

 

 

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