Hades: Daddy Issues

Woher weiß man, wer man ist, wenn man sich stets mit den Augen der anderen sieht? Zagreus wächst in einem Schatten auf, den ihm sein Vater unweigerlich vorausgeworfen hat. Doch statt sich in jenem Schatten vor der brennenden Sonne zu schützen und sich fügsam seinem Privileg hinzugeben, versucht er ihm zu entkommen und sich wagemutig zu verbrennen. Gegen den Willen seines alten Herrn, doch mit dessen tatkräftiger Unterstützung.

Zagreus ist wie ein Teenager auf der Suche nach der eigenen Identität. Er verweigert sich, rebelliert, versteckt seine Unsicherheiten und Ängste hinter einem Schleier aus Gleichgültigkeit und Ironie und bleibt doch nahbar, da diese Fassade viel zu leicht zu durchschauen ist. Keinen Bock auf goldenen Käfig, keinen Bock, den kleinen Familienbetrieb in der Unterwelt irgendwann einmal weiterzuführen, aber eben auch keine Idee davon, was er sonst möchte. Eine Aura der Selbstgerechtigkeit, die ihn davor schützt zu erkennen, dass sein Aufbegehren nur durch die Hilfe jener Personen möglich gemacht wird, die ihm die wundgelegene Bequemlichkeit, derer er überdrüssig ist, überhaupt erst bescherten.

Seine Kampffertigkeiten, mit Hilfe derer er sich aus der Unterwelt zu prügeln versucht, wurden ihm einst von seinem Vater aufgezwungen, der sich mehr Härte und Durchsetzungsvermögen bei seinem Sohn wünschte. Die Waffen und göttlichen Segen, die Zagreus‘ Macht im Kampf steigern, werden ihm von den Business-Buddies seines Papas gewährt und jede nette Geste, jedes Geschenk, das ‚Zag‘ jemandem macht, wird mit einem Gegengeschenk belohnt. Himmlische Vetternwirtschaft, ohne die es wohl bei trotzigen Widerworten am Abendbrotstisch geblieben wäre. Doch statt beleidigt auf sein Zimmer zu gehen, verliert sich Hades‘ Sohn bei der Suche nach seinem Schicksal und ergibt sich unbemerkt der harten, flachen Hand, die ihn schon sein Leben lang maßregelte.

Zagreus kann seinem Privileg nicht entkommen, weil er pausenlos davon Gebrauch macht. Er kann nicht verlieren, weil auch sein Scheitern ihn stets ein kleines bisschen mächtiger werden lässt. Jeder Versuch bringt ihn so einen Schritt näher an sein Ziel. Ein Ziel, dessen Konsequenz er nicht reflektiert, weil Trotz selten etwas Konstruktives hervorzubringen weiß. Da steht er nun, am Ende seines Weges und tritt seinem antagonistischen Vater gegenüber, der ihn statt mit zornigen Worten genauso gut mit „Are ya winning, Son?“ begrüßen könnte. Es gibt keinen Ausweg. Der Versuch des Aufbegehrens war nie mehr als der Versuch, jemandem gerecht zu werden, dem man nicht genügen konnte.

Zag war nie ein vollwertiger Gott in Hades‘ Augen, nie stark genug, nie ausreichend, nie respektiert. Seine Flucht aus der Unterwelt ein lauter Schrei nach Anerkennung und Liebe, die ihm sein Leben lang verwehrt wurde. Sein Platz ist in der Unterwelt, seine hinzugewonnene Härte das Resultat der unbarmherzigen Erziehungsmethoden seines Vaters und seine Fortschritte sind nur durch die vorteilhaften Beziehungen seiner priviligierten Geburt denkbar. Es ist eine gestellte Rebellion, um das Gegenteil zu erreichen. Eine Fassade, wie die Gleichgültigkeit, wie die Ironie, wie der fehlgeleitete Wunsch nach Unabhängigkeit, wenn alles, was man ist, ohne die Liebe und das Kapital der eigenen Familie zusammenbricht.

Hades erzählt von dem antiken Mythos, dass man alles werden und haben kann, wenn man nur fest daran glaubt und hart dafür arbeitet. Nur schade, dass sein Protagonist schon alles ist und alles hat, außer eine vernünftige Idee davon, wie er mit der daraus entstandenen Langeweile konstruktiv umgehen kann. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.

2 Gedanken zu “Hades: Daddy Issues

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